KALTZA! - Das Leben beginnt (2003) [REMAKE]

  • Kapitel 1 – Schweinereien


    Es war ein ungewöhnlich warmer Nachmittag in Hamburg. Die Straßen lagen still, und außer dem Zwitschern der Vögel drang kaum ein Geräusch durch die Großstadt. Ganz Hamburg fieberte dem wichtigsten Fußballspiel des Jahres entgegen. Die meisten saßen vor dem Fernseher, um das Endspiel um die Meisterschaft live mitzuerleben. Die Glücklichen mit Tickets hatten sich in der prall gefüllten AOL-Arena eingefunden, um die Begegnung zwischen dem Hamburger SV und dem FC Bayern München hautnah zu verfolgen.

    Die Stimmung im Stadion war elektrisierend. Alles stand auf dem Spiel: Der Sieger würde Meister werden.

    Die Spieler des HSV verließen bereits die Kabine und machten sich auf den Weg zum Spielfeld. Nur zwei blieben noch zurück: der japanische Star-Torhüter Genzo Wakabayashi und das deutsche Mittelfeld-Ass Hermann Kaltz.

    Kaltz saß auf einem Hocker, beugte sich nach vorn und zog die Schnürsenkel seiner Fußballschuhe fest. Sein Blick glitt aus dem Fenster, wo die Sonne die Blätter der Bäume in leuchtendem Grün erstrahlen ließ.

    Genzo beobachtete ihn einen Moment lang, dann räusperte er sich.


    „Kaltz!“ Seine Stimme klang ungewohnt unsicher.

    Kaltz fuhr herum. „Uh!? Ja, Genzo? Was ist los?“

    „Ich sag’s dir lieber jetzt… als später.“

    Kaltz runzelte die Stirn. „Was? Junge, sprich dich aus.“

    „Ich… wechsle nach Bayern.“

    Der Zahnstocher, der bis eben in Kaltz’ Mundwinkel gesteckt hatte, fiel klappernd zu Boden. Er starrte Genzo fassungslos an.


    „Hast du den Verstand verloren? Das kannst du nicht machen! Wieso? Wegen des Geldes?“

    Genzo wich seinem Blick nicht aus. „Versteh doch… das ist meine Chance.“

    „Chance, dir eine zu fangen?“ fuhr Kaltz auf.

    „Wie bitte?“

    Genau in diesem Moment krachte Kaltz’ Faust gegen Genzos Gesicht. Der Schlag war so wuchtig, dass der Torhüter zu Boden ging.

    In diesem Augenblick betrat der Trainer die Kabine, um die beiden abzuholen. Sein Blick fiel sofort auf den am Boden liegenden Wakabayashi und dann auf Kaltz, dessen Augen vor Zorn funkelten.

    „Hermann… willst du mir das erklären?“ fragte der Trainer mit ernster Stimme.

    „Schnauze, Trainer! Sie können mich mal.“

    Der Trainer schnappte hörbar nach Luft. „Was!? Hermann! Du bist suspendiert – für immer!“

    Kaltz zuckte nur mit den Schultern, drehte sich um und verließ wortlos die Kabine. Im Stadiongang zog er sein Trikot aus und warf es in den nächsten Mülleimer. Einige Spieler und der Trainer sahen ihm nach – und bemerkten, wie ein paar Tränen von seinen Wangen auf den Zahnstocher tropften, der noch immer am Boden lag.

    Aus seiner Trainingstasche holte Kaltz eine Sonnenbrille und eine Baseballkappe. Mit gesenktem Kopf schlenderte er Richtung Tribüne. Je näher er dem Ausgang kam, desto lauter wurden die Fangesänge und desto heller wurde der Gang.

    Am Ende des Ganges blieb er stehen, hob den Kopf und sah zu den Fans auf der Gegenseite. Sie brüllten die Namen der Spieler, als diese auf der Anzeigetafel erschienen. Auch sein eigener Name mit der Rückennummer 5 wurde angezeigt – und die Menge jubelte, nicht ahnend, dass er das Spielfeld längst verlassen hatte.

    Von oben sah Kaltz die Mannschaft einlaufen. Er entdeckte Genzo, der anscheinend unversehrt ins Tor ging. Wenig später ertönte der Anpfiff. Hamburg spielte mutig nach vorn, doch Kaltz wandte sich ab und verließ das Stadion.

    Er stieg in seinen gelben Opel Tigra und fuhr los. Nach einigen Minuten schaltete er das Radio ein.

    „…und schon wieder ein Tor! Nach nur 20 Minuten steht es bereits 3:0 für Bayern! Torschütze: Karl-Heinz Schneider. Unglaublich—“

    Kaltz drehte das Radio abrupt ab.

    Kurze Zeit später erreichte er seine Villa. Als er den Schlüssel aus dem Bund fischte, fiel sein Blick auf den Vorgarten: Blaue und weiße Stiefmütterchen bildeten das Wappen des Hamburger SV. Er wischte sich eine Träne von der Wange, schloss die Tür auf, ließ sich auf das Sofa fallen – direkt unter dem gerahmten Foto seiner Jugendmannschaft, das ihn gemeinsam mit Schneider und Wakabayashi zeigte – und schlief ein.

  • Kapitel 2 – Wenn du dich mit dem Teufel einlässt, verändert sich nicht der Teufel, der Teufel verändert dich



    Kaltz wachte auf. Die Sonne brannte durch die Vorhänge, und ein Blick auf die Wanduhr verriet: 9:00 Uhr morgens. Mit noch halb verklebten Augen griff er zur Fernbedienung, schaltete den Fernseher ein und checkte im Videotext das Ergebnis des gestrigen Spiels.

    6:3. Bayern gegen HSV.

    Die Fernbedienung flog im hohen Bogen gegen den Fernseher.

    „So’n Mist!“ brüllte Kaltz, als hätte der Bildschirm persönlich Schuld.

    Es klingelte an der Tür.

    „Ja? Tür is offen!“ grunzte er.

    Die Tür ging auf, und Genzo trat ein.

    „Kaltz…?“

    „Ja, wat willst du schon wieder?“

    „Der Trainer… er meinte, er wird deinen Vertrag auflösen lassen. Du brauchst nicht mehr wiederzukommen.“

    „Jo, danke, Genzo. Und nebenbei: Was fällt dir eigentlich ein, mich so zu hintergehen? Was bist du für’n Freund?“

    „Kaltz…“

    „Wat?“

    „Komm mit nach München. Ich weiß, du hast auch ein Angebot bekommen. Wieso zögerst du noch?“

    Kaltz lehnte sich zurück. „Hm… stimmt. Lass mich überlegen… Ach, was soll’s. Wieder wir drei in einer Mannschaft… das wär schon was.“

    „Also kommst du?“

    „Wahrscheinlich ja. Für Hamburg spiel ich nicht mehr – also, warum nicht?“

    Genzo grinste. „Whuhuuuu! Das müssen wir feiern! Heute Abend, wir drei, durch die Häuser ziehen!“

    Kaltz lachte. „Hehe… meinetwegen.“

    Am Abend

    Ding-Dong.

    Kaltz öffnete die Tür – und stand vor Genzo und Schneider.

    „Whaaa! Kalle!? Genzo!? Ihr hier?“

    „Ja, Mann, zieh dir ‘ne Hose an und komm.“

    „Alles klar.“

    Kurz darauf machten sich die drei auf den Weg zu ihrer alten Stammkneipe „Zum rudernden Zahnstocher“.

    Kaltz stieß die Tür auf:

    „Whohoohooo! Leute, was geht? Klaus, auch wieder da? Heeeeey, Ulli! Und Peter, du Sumpfnudel, immer noch am Leben?“

    „Heeeeeeeey… Hermann! hicks“ kam es von Peter.

    Kaltz stöhnte. „Na super. Peter ist schon wieder voll.“

    Genzo hob den Zeigefinger. „Ich nehm heute nur EIN Glas.“

    „Tsss… sicher.“

    Drei Stunden später

    Genzo schlief auf dem Tresen. Nach einem Glas. Kaltz war leicht beschwipst, Schneider bester Laune.

    „Und, Kaltz? Wo geht’s diesen Urlaub hin?“ fragte Kalle.

    „Spanien, Kalle! Hab was vor.“

    „Ja? Was denn?“

    „Kennst du noch diesen mittelmäßigen Spieler Ohzora?“

    „Hm… sagt mir nix.“

    „Doch, der hat damals mit Glück die U16-Weltmeisterschaft mit Japan gewonnen. Gegen uns im Finale.“

    „Ah, jetzt klingelt’s.“

    „Gut. Jedenfalls hab ich ihn vor ein paar Wochen in Barcelona getroffen, als wir mit Hamburg gegen Barca gespielt haben. Er fragt mich, ob ich vergeben bin – ich sag ‘nee’ – und er sagt, er hätte da ‘ne japanische Freundin, die ich unbedingt kennenlernen sollte. Diesen Sommer ist sie in Barcelona. Also fahr ich hin. Und dann… mal sehen, was passiert.“

    „Eine Japanerin?“, lachte Schneider.

    „Jo. Heißt Sanae. Oder Fanae. Egal. Hauptsache, sie ist nett.“

    „Moment mal – ist Tsubasa nicht mit dieser Sanae verheiratet?“

    Peter mischte sich ein: „Nee… hicks das is nur im Manga so… hicks“

    Kaltz prustete. „Peter, du bist echt kaputt.“

    Gegen Mitternacht ging der Abend zu Ende. Schneider weckte Genzo auf, und die drei machten sich auf den Heimweg. Vor Kaltz’ Villa blieb man stehen.

    „Cucu, Kalle.“

    „Dir auch cucu, Kalle.“

    „Ciao, ciao!“ rief Genzo.

    Als die beiden außer Sicht waren, murmelte Kaltz grinsend:

    „Wat für Schwuchteln.“

  • Kapitel 3 – Wenn die Wände immer näher kommen…


    Ein ohrenbetäubendes Brummen! Etwas schoss aus der Zimmerecke!


    Ein… riesiges… Insekt!


    Nur eine Mücke.

    „Boah, wat’n fettes Viech!“ murmelte Kaltz und wedelte es weg.

    Die Tage vergingen. Inzwischen hatte Kaltz offiziell verkündet, dass er ab nächster Saison für Bayern München spielen würde. Heute war es so weit – Abflug nach Spanien. Urlaub.

    Am Flughafen

    „Huhuuu! Hallooo!“ rief Kaltz in die Menschenmenge. Niemand reagierte. Der Geräuschpegel war höher als ein Heavy-Metal-Konzert. Also besorgte er sich sein Ticket und ging direkt ins Flugzeug.

    Kurz vor dem Start schlug er ein Buch auf.


    „Rattenscharf! Science Fiction!“ grinste er, als hätte er gerade den Sinn des Lebens entdeckt.

    Während er las, tapste ein kleiner Junge den Gang entlang.


    „Sind Sie Herman Kaltz?“ fragte der Knirps.

    „JAA!“

    „Können Sie mir ein Autogramm geben?“

    „Sorry, Kleiner, meine rechte Hand pennt, und mit der linken wollte ich grad ‘nen Zahnstocher rausfischen. Aber hier – Bonbon. Kokos. Mag ich nicht.“

    „Wow, danke! Sie sind der Beste!“ Das Kind hüpfte davon.

    Kaltz griff in die Tasche, holte zwei Zahnstocher heraus und wandte sich an seinen Sitznachbarn. „Wollen Sie einen?“

    Der Mann drehte sich um, setzte die Sonnenbrille ab und grinste.


    „Perfekt! Hab noch Steakstücke zwischen den Zähnen hängen.“

    Kaltz starrte. „Moment… Sie sind doch Roberto Hongo!“

    „Und Sie sind sicher Karl-Heinz Schneider?“

    „NEIN! HERMAN. KALTZ.“

    „Oh, sorry. Ihr Deutschen seht alle gleich aus.“

    Kaltz zog eine Augenbraue hoch.

    Der Flug verging mit Lästereien über Tsubasa Ohzora.

    „Tsubasa ist begabt, sympathisch, fast wie ein Sohn für mich… aber er hat eine Schwäche,“ begann Roberto.

    „…“

    „Er ist oft zu weich. In Brasilien hat’s ihn dauernd umgehauen, und er blieb einfach liegen.“

    „Stimmt! Fußball ohne Härte ist wie Nikoläuse ohne Bärte!“ grinste Kaltz.

    „Reimt sich sogar. Sie haben Humor. Wollen Sie nicht nach Brasilien kommen?“

    „Äh… nee.“

    „Ich penn jetzt,“ kündigte Kaltz an. „Und meine zwei Bier bleiben unangetastet, verstanden?“

    „T__T“

    Einige Stunden später

    „Herr Kaltz! Aufwachen! Wir landen gleich!“

    „Uh!? Wat? Probleme, Hongo?“

    „Nein. El Capitano hat gesprochen.“

    „Rattenscharf… Mist, Hintern eingeschlafen.“

    Roberto zählte derweil Ziegen aus dem Fenster. „Eins… zwei… drei Ziegen!“

    Kaltz starrte ihn nur an. „Ach du Scheiße…“

    Das Flugzeug setzte auf. Im Terminal suchten beide nach Tsubasa. Plötzlich hallte es:


    „ROBERTOOOOO!“ – immer lauter.

    Schweißperlen liefen Kaltz die Stirn herunter. „Herr Hongo… was ist das?“

    „Keine Ahnung.“

    Da sprang jemand im Trainingsanzug Roberto in die Arme.


    „ROOOOOOBERTOOO!“

    „Verdammt, Tsubasa!“ stöhnte Roberto.

    Tsubasa wandte sich an Kaltz. „KATZE!“

    „Kaltz. Tach. Du hast mich eingeladen, also bin ich hier.“

    „Äh… das mit der Frau damals… vergiss es lieber. Sanae und ich sind jetzt zusammen.“

    „VERLASS SIE!“

    „Wir sind verheiratet!“

    „Ach du Scheiße… Warum bin ich dann hier?“

    „Hier, dafür hast du das.“ Tsubasa zog aus der Hintertasche eine zerknüllte Einladung. „Morgen bei mir – Fußball-Party. Wir feiern den ‘Liebe zum Fußball’-Tag.“

    Kaltz riss ihm den Zettel aus der Hand, ging zwei Schritte und drehte sich noch mal um.


    „Ohzora… BRING BIER MIT!“

    Dann verschwand er Richtung Hotel, während Roberto und Tsubasa in die entgegengesetzte Richtung gingen.

  • Kapitel 4 – Das Duell


    Kaltz blieb abrupt stehen.


    Vor ihm: ein gigantisches Schild vor einem ebenso gigantischen Gebäude.


    „El España.“

    Kaltz starrte es an. „Jo… das is’ mein Hotel…“


    Er trat ein, marschierte nach links zur Rezeption.

    Die Dame am Schalter telefonierte noch. Als sie ihn sah, beendete sie ihr Gespräch mit einem zuckersüßen:


    „Ciao, Berta! BUSSY BUSSY“ – Klick.

    „Sie wünschen?“ fragte sie.

    „Isch hab’n Zimmer gedingst. Heiße Herman Kaltz!“

    Sie tippte kurz. „Ja… Zimmer 54. Hier, der Schlüssel.“


    Sie angelte den 54er Haken von der Schlüsselwand.

    „Einfach Treppe hoch!“ rief sie noch, während Kaltz schon unterwegs war.

    Oben fand er sofort seine Tür. Aufgeschlossen, Licht an, Blick aufs Bett – Sprung – und weg war er. Sofort eingeschlafen.

    Sonnenaufgang.


    Bei den Ohzoras.

    „Sanae, saug endlich den Wohnzimmerteppich!“

    „Schatz, ich bin grad erst wach geworden.“

    „Die Gäste kommen gleich! Ich geh Fußball zocken. Besorg Alkohol und Chips.“


    Jacke drüber, Wangenküsschen, Tür zu.

    In der Garage griff Tsubasa nach seinem Ball. Er hielt ihn in den Händen und bekam plötzlich diesen kitschigen Anime-Blick.


    „Wenn ich den Ball berühre… ist das wie Schnee im Sommer…“ Er seufzte. „Aber irgendwie hab ich ein schlechtes Gewissen… wahrscheinlich wegen Sanae… Ach, egal, später pflück ich eine Rose.“

    Auf der Straße dribbelte er wie ein Magier. Alles um ihn herum blendete er aus…


    …bis ein Zahnstocher quer durch die Luft flog und ihm mitten ins Auge schoss.

    „AHHHHHHH BUUUÄÄÄHHH!!!“


    Tränen, Drama, das volle Programm.

    Mit dem heilen linken Auge erkannte er zwei Füße. Er blickte hoch.

    „KALTZA!“

    „OHZORA!“

    Starren. Sekunden werden zu Minuten.

    „Sorry wegen dem Zahnstocher. Wollt dich nur erschrecken.“

    „Schon gut…“

    „Bock auf ein Duell?“

    „…Okay.“

    Der Bolzplatz

    Kaltz nahm ihm den Ball ab. „Mein Tor ist da hinten, deins da. Ich bin meine Mannschaft, du bist deine.“

    „Aber Fußball ist kein Ein-Mann–“

    Knack! – Kaltz zerbrach seinen Zahnstocher mit der Zunge. „Halt die Klappe. Ich hab den Ball!“

    Er startete, Schlenzer links, freie Bahn. Statt weiter zu laufen, zog er einfach ab.


    KLONG – Pfosten! TOOOR!

    „Dein Ball.“ Grinsen.

    Tsubasa konterte.


    „An mich kommste nicht vorbei, Ohzora!“

    „DER BALL IST MEIN BESTER FREUND!“


    Mit Lichtgeschwindigkeit stürmte er vor, Kaltz rauschte mit einer Blut-Grätsche rein:


    „Sorry, Arztrechnung geht auf mich!“

    Doch Tsubasa sprang meterhoch, Seitfallzieher in der Luft – BÄM! – ins Tor!


    Danach: Schnauze voran in den Sand.

    Kaltz half ihm hoch. „Nächstes Tor gewinnt.“

    Der Showdown:


    Tsubasa lupfte den Ball über Kaltz hinweg.

    „Verdammt!“ brüllte der Deutsche.

    Tsubasa wollte schießen – BODY CHECK! – und flog in die Kinderrutsche. Blut.


    Der Ball kullerte gemächlich davon.

    Kaltz schlenderte gemütlich zum Tor und schob ein. 2:1. Arme hoch, Siegerpose vor… niemandem.

    Nach 3 Minuten erinnerte er sich an Tsubasa.


    Der lag ausgestreckt im Sandkasten. Augen zu, seltsame Geräusche.

    Kaltz beugte sich runter.

    „…Der Ball… mein… bester Freund…“

    „Verrückt.“

    Er klatschte ihm ins Gesicht. Tsubasa schreckte hoch.

    „Was… Blut?!“

    „Jo, du bist grad im Sandkasten rumgekugelt. Hab alles versucht.“

    Tsubasa umarmte ihn. „Kaltz, du bist ein wahrer Freund.“

    Kaltz: „Aha.“

    „Oh, 15 Uhr! Party um fünf. Bock schon rüberzukommen?“

    „Ok.“

    Und so liefen beide zur Villa Ohzora.

  • Kapitel 5 – Santa Kuraz


    Kaltz und Ohzora stehen vor der Haustür der Villa.


    Tsubasa klopft wie ein Presslufthammer:


    „SANNNNNNNNNNNNNNAEEEEEEE! JUHUUU! MACH AUF, SCHNITTE!“

    Kaltz grinst schief:


    „Ahhh, Ohzora, du mieser Lurch. Jetzt seh ich endlich deine Perle, die eigentlich für mich bestimmt war!“

    Tsubasa verzieht das Gesicht, als hätte er auf eine Zitrone gebissen:


    „Kaltz, noch ein Wort und ich ramme dir deinen Zahnstocher dahin, wo die Sonne nicht scheint. Klar?“

    Kaltz: „Läuft.“

    Die Tür öffnet sich quietschend. Sanae steht da und guckt, als hätte sie gerade eine Geisterbahn verlassen.


    „Hallo.“

    Tsubasa strahlt: „Schatz, das hier ist Hermann, unser Ehrengast.“

    Kaltz schnappt sich ihre Hand, gibt einen Handkuss – und piekst sie dabei so unglücklich mit dem Zahnstocher, dass sie aufheult:


    „WHAAAAA!“

    Kaltz nickt zufrieden: „Naja, dass das Schreien so früh kommt, hätte ich nicht gedacht.“

    Drinnen macht Sanae die Tür zu, während Kaltz genüsslich auf seinem Zahnstocher kaut und die Villa mustert.


    „Ohzzy, geile Bude. Sieht aus, als würdest du mehr verdienen als ich. Muss am japanischen Bonusprogramm liegen.“

    Tsubasa: „Wie bitte?“

    Kaltz: „Sorry, Ghetto-Sozialisation. Das steckt halt drin.“

    Tsubasa seufzt: „Nicht schlimm. Komm, gleich läuft Kuba gegen El Salvador. Gucken, bis die Gäste kommen?“

    „Jooo!“

    Die beiden lassen sich aufs Sofa fallen. Sanae saugt im Hintergrund, als plötzlich Roberto Hongo aus dem Gästezimmer trottet – in Unterhose und mit Gesicht wie eine Kaffeetasse nach der Spülmaschine.

    Sanae knurrt: „ROBERTO! Was riecht hier so?“

    Roberto blinzelt: „Hm? Ich riech nix.“

    Sanae stapft ins Gästezimmer: „Geh dich waschen, ich mach hier sauber.“

    Roberto trollt sich ins Bad. Wenig später kommt er zurück – frisch gestylt, im weißen Disco-Anzug mit Goldkette.


    Tsubasa staunt: „Roberto! Sieht ja richtig edel aus!“

    Kaltz strahlt: „Top Outfit! Mein Opa hatte das auch… bei seiner Beerdigung.“

    Roberto starrt auf den Teppich.

    Die drei glotzen das Spiel, das 0:0 ausgeht – spannungsgeladen wie ein Einkaufszettel. Da klingelt es.

    „Sanae, mach auf! Die Gäste kommen!“ ruft Tsubasa.

    „Wer denn?“ fragt Kaltz.

    „Ein paar Nankatsu-Kollegen von früher.“

    „Nan-was-zu? Klingt wie ein Kamasutra-Workshop.“

    Die Tür fliegt auf, Urabe brüllt „WHUHHUUU!“, Ryo schreit „GUCKUCK!“.


    Beim Anblick von Kaltz erstarrt Ryo: „KALTZA?!“

    Tsubasa: „Beruhig dich, er ist jetzt ein Freund.“

    Kaltz: „Ohzora, Klappe und hol Bier.“

    Die Party läuft. Alle saufen, nur Tsubasa schleicht mit einem Sandwich rum.


    Ryo will ihn bekehren: „Komm, ein Schluck schadet nicht.“

    Ein Schluck später leert Tsubasa die ganze Flasche.


    Ryo: „Alter, Bock auf Wetttrinken?“

    Tsubasa grinst debil: „Ok.“

    Währenddessen knabbert Kaltz in der Küche an Salzstangen. Sanae fegt Zigarettenreste zusammen – tränenüberströmt.

    „Wieso weinst du?“

    „Dieser ganze Müll hier…“ Sie zeigt auf Tsubasa, der gerade auf den Teppich kotzt.

    Kaltz mixt ihr „Wasser“ – also Wodka – und hört sich eine Stunde lang ihre Sorgen an. Irgendwann ist die Flasche leer, Sanae knallrot im Gesicht.

    „Herman… warum hab ich nicht so einen wie dich geheiratet?“

    „Na toll…“ murmelt Kaltz.

    Sie bittet ihn zu bleiben. Er bekommt ein seltsames Gefühl. Ist das Herzklopfen… oder einfach Magenverstimmung?

    Sie gehen ins Schlafzimmer. Die Tür schließt sich.


    Zwei Stunden später liegen beide im Ehebett.

    Kaltz denkt: „Mist. Ganz, ganz großer Mist.“

    Stimmen vor der Tür. Tsubasa: „Gute Nacht.“


    Kaltz: „FUCK!“ Er schnappt seine Klamotten, springt aus dem Fenster, landet im Blumenbeet.

    „Aua!“, flucht er, zieht sich an und verschwindet in die Nacht.

  • Kapitel 6 – Rostfreies Eisen


    Kaltz stapft durch die dunklen Straßen von Barcelona, auf dem Heimweg ins Hotel.


    Er sieht aus wie ein Mann, der gleichzeitig Hunger, Schuldgefühle und Blasen an den Füßen hat.

    An der Rezeption beugt er sich zum Tresen:


    „Hey, Sie da… ich geh pennen. Morgen früh bin ich weg.“

    Die Rezeptionsdame blinzelt irritiert:


    „Ähm… ja… Sir.“

    Kaltz verschwindet aufs Zimmer.

    Am nächsten Morgen


    Frisch umgestylt, Koffer in der Hand, steht Kaltz vor dem Hotel und wartet aufs Taxi Richtung Flughafen. Da kommen plötzlich zwei dunkle Silhouetten auf ihn zu.

    „HEYYYYY!“ ruft eine Stimme.

    Kaltz dreht sich um – Tsubasa Ohzora. Dahinter: Roberto Hongo, mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der gerade eine Bar gesehen hat.

    Tsubasa fixiert Kaltz:


    „Kaltz! DENKST DU, ICH MERK DAS NICHT?!“

    Kaltz stammelt: „TSUBSASA! Warte… versteh doch… der Alkohol… war schuld!“

    Tsubasa: „Nix Alkohol! Gib mein Portemonnaie wieder!“

    Kaltz atmet erleichtert auf:


    „Ach SO! Hahaha! Hier, kannst du wieder haben, Looser!“

    Er zieht das Portemonnaie aus der Jacke und wirft es hinter Tsubasa – genau vor Robertos Füße.

    Tsubasa: „Roberto! Mein Portemonnaie!“

    Roberto sieht die 100-Dollar-Scheine herausblitzen und sabbert.


    „Hm… dein Portemonnaie, ja?“

    Tsubasa: „Roberto…?“

    Doch Kaltz’ Taxi hält. Er steigt ein, fliegt nach München, kauft sich unterwegs gefühlt eine neue Villa, und steht plötzlich schon am Flughafen-Ausgang.

    „Komisch… irgendwie ging alles schnell.“

    Auf dem Parkplatz:


    „KALTZ!“

    „Uh!? SCHNEIDER!“

    „Tach, Kaltz! Ich hol dich ab.“

    „Hm… nicht so der beste Tag. Woher wusstest du, dass ich schon komme?“

    „Sowas munkelt man in den Gassen.“

    „Aha…“

    Sie gehen zu Schneiders Cabrio. Schneider packt die Sporttasche in den Kofferraum.

    Kaltz fragt: „Kalle, wenn du denkst, du hast Mist gebaut… was machst du dann?“

    Schneider: „Vergessen.“

    Kaltz: „Gut. Ist ja jetzt auch nicht mehr mein Problem.“

    Im Auto.

    Schneider: „Kaltz, wenn du alles nochmal erleben könntest – was würdest du ändern?“

    Kaltz denkt kurz nach:


    „Ich würde meine Zahnstocher von Anfang an bei Zahnmann kaufen.“

    Kurze Pause – beide lachen so sehr, dass Schneider fast von der Landstraße fliegt.

    „KALLE! Fahr vorsichtiger!“

    „Ja, ich versuch’s… AHHH! EIN REH!“

    Er bremst scharf – zu spät.


    WUMMS.

    Beide sitzen stocksteif.

    Schneider: „Kaltza…?“

    Kaltz: „Ich guck schon.“

    Er steigt aus – und starrt:


    „GOTT! Das ist kein Tier… das ist ein MENSCH!“

    Der Typ bewegt sich plötzlich, stöhnt, richtet sich auf und hält sich den Kopf. Die Basecap liegt im Dreck.

    Schneider erkennt ihn: „Kaltz! Das ist unser Bayern-Balljunge – Pred D’Ator!“

    Kaltz: „Na und?“

    Schneider: „Den brauchen wir noch!“

    Kaltz reicht ihm die Hand: „Komm, steh auf.“

    Pred faucht: „Ich hasse euch Spieler! Und eines Tages schwör ich – ihr werdet mir das büßen, ihr Wixer!“

    Kaltz flüstert zu Schneider: „Was will er?“

    Schneider: „Der ist immer so drauf. Komm, Pred, steig ein, ich kauf dir ne Pizza.“

    Pred: „Na gut…“

    Sie fahren zu Kaltz’ neuer Villa. Schneider hält, Kaltz nimmt sein Gepäck und verschwindet im Haus.


    Schneider fährt davon – vermutlich, um Pizza zu besorgen.

  • Kapitel 7 – Kaltz’ stählerne Faust wird dich in tausend Stücke zerreißen


    Einige Wochen vergingen, und Kaltz verbrachte seine Ferien mit… nichts. Absolut nichts. Faulenzen auf Champions-League-Niveau.


    Heute ist der erste Trainingstag bei Bayern, die neue Saison steht vor der Tür.

    Kaltz betritt das Trainingsgelände und sieht seine neuen Teamkameraden. Stefan Levin kommt auf ihn zu.


    „KALTZA!!!“


    „LEVINA…“, antwortet Kaltz trocken.


    „Herman Kaltz… Mit dir im Team können wir nur stärker werden. Vielleicht schaffen wir diesmal sogar das, was uns noch nie gelungen ist…“


    „Wat?“


    „… Die Champions League!“

    Levin schnipst mit den Fingern. Pred D’Ator, Balljunge und sein bester Freund, rennt los, kommt zurück, schleppt ein Radio herbei und drückt auf Play. Die Champions-League-Hymne dröhnt über den Platz. Levin beginnt mitzusingen:


    „Wir sind die Beeeesten… wir sind die Gröööößten… Dadada…“

    Kaltz weicht einen Schritt zurück. „Ach du Scheiße, ist der dicht!“

    Schneider kommt dazu, mit feuchten Augen. „Kaltz… jetzt sind wir endlich wieder zusammen…“


    Er versucht, Kaltz zu umarmen, doch der schiebt ihn abwehrend weg. „Kalle, da ist Genzo – umarm den, ich hab keinen Bock drauf.“

    Auf dem Trainingsplatz wartet bereits der Bayern-Trainer – zufällig Schneiders Vater. Er begrüßt Kaltz überschwänglich und drückt ihm zur Begrüßung die Hand. Allerdings nicht einfach so – nein, er versucht heimlich zu testen, wie stark Kaltz’ Händedruck ist.


    „Nana… was versucht der da?“, denkt sich Kaltz und kontert, indem er richtig zupackt.

    Sekunden später kniet der Trainer auf dem Boden, betrachtet seine zitternde Hand und flucht: „FUCK, Kaltz… geh auf den Platz… Scheiße… ich… muss mal kurz aufs Klo…“


    Kaltz schaut auf die Hand. „Ähm… Trainer, oha – Sie bluten ja!“


    „BLUT?! Das kann ich nicht sehen!“, kreischt Schneiders Vater und wirkt, als würde er gleich in Ohnmacht fallen. „Kaltz! Ich hoffe, du kannst genauso gut Fußball spielen wie Hände brechen! Auf den Platz, sofort!“

    Der Mannschaftsarzt eilt herbei, legt beruhigend den Arm um den Trainer. „Ruhig… es wird alles wieder gut.“

    Kurz darauf taucht der Co-Trainer auf: Jo-Ko Kahan-Kim-Sumali II, frisch aus Nordkorea, hier bei Bayern für seine ersten Trainererfahrungen.


    „Tach… der Chef kann heute nicht… kleiner Unfall. Ich übernehme. Wir fangen sofort an. Hier – Medizinbälle! Damit üben wir Torschüsse!“

    Kaltz grinst. „Soll ich Ihnen den Medizinball auf’n Kopf werfen, oder wat?“


    „Wie bitte?“


    Kaltz beißt sich auf die Zunge – er denkt an seine Suspendierung beim HSV. „Mist, diesmal muss ich mich zusammenreißen.“


    „Trainer… lassen Sie uns anfangen.“

    Der Co-Trainer sucht den „Topstürmer Karl-Heinz Schneider“, zeigt aber auf Kaltz.


    „Wat? Nee, ich bin Herman Kaltz.“


    „Oh… sorry, ihr Deutschen seht alle gleich aus.“


    „Ja… reicht jetzt langsam, oder?“

    Schließlich findet er den echten Schneider und befiehlt ihm, den Medizinball vom Elfmeterpunkt ins Tor zu knallen.


    „Äh… verletz ich mich da nicht?“


    „Mach einfach!“

    Schneider holt aus: „Jetzt kommt mein neuer NEO-BAVARIA-GERMANIA-SUPER-SHOOT!!!“


    „Kalle, hör auf, deinen Schüssen Namen zu geben“, stöhnt Genzo.

    Schneider trifft den Ball… und nichts passiert. Kein Millimeter Bewegung. Stattdessen fällt Schneider um, krallt sich ans Bein und schreit wie ein Kleinkind: „AHHH! MEIN FUSS! ES TUT WEH!“

    Der Co-Trainer rennt – allerdings nicht zu Schneider, sondern zum Ball. „Mein eigener Ball… bitte lass keine Schramme dran sein…“

    „WAS IST HIER LOS?!“ Schneiders Vater kommt zurück, Hand frisch eingegipst.


    „OH MEIN GOTT, JUNGE! WAS IST PASSIERT?!“ Er kniet sich zu seinem Sohn. „Ruhig… wird schon wieder.“


    „Papi…“, wimmert Kalle.

    Der Mannschaftsarzt wirft einen Blick auf den Fuß und räuspert sich. „Herr Schneider… Ihr Sohn… hat eine üble Knochenverletzung. Stellen Sie sich vor, Sie wollen ein schönes, saftiges Steak… aber dann… fühlt es sich an wie Pudding.“


    Die Spieler starren ratlos.


    „Jetzt hab ich Hunger“, murmelt Schneiders Vater. „SAGEN SIE MIR EINFACH, WAS LOS IST!“


    „Fuß gebrochen. Lange Pause.“

    Schneiders Vater springt auf, schreit: „Co-Trainer Dingsbums! Sie sind gefeuert, Sie unfähiges Arschloch!“ Dann atmet er durch. „Egal… Kaltz! Ab sofort spielst du die Kalle-Position und bist Kapitän!“


    „Äh… ich bin Mittelfeldspieler…“


    „Gut, dann ist Wakabayashi Kapitän und… King-Kong oder wie du heißt spielt im Sturm.“

    Sanitäter tragen Schneider vom Platz. Der Trainer beendet das Training.


    Genzo tritt zu Kaltz. „KALTZA…“


    Kaltz seufzt. „Mist… Schneider wird wohl lange ausfallen.“

    Der Platz leert sich, es wird dunkel. Nur eine tote Eule am Spielfeldrand bleibt liegen – vermutlich wird auch der Platzwart bald seinen Job los sein.