Kapitel 1 – Schweinereien
Es war ein ungewöhnlich warmer Nachmittag in Hamburg. Die Straßen lagen still, und außer dem Zwitschern der Vögel drang kaum ein Geräusch durch die Großstadt. Ganz Hamburg fieberte dem wichtigsten Fußballspiel des Jahres entgegen. Die meisten saßen vor dem Fernseher, um das Endspiel um die Meisterschaft live mitzuerleben. Die Glücklichen mit Tickets hatten sich in der prall gefüllten AOL-Arena eingefunden, um die Begegnung zwischen dem Hamburger SV und dem FC Bayern München hautnah zu verfolgen.
Die Stimmung im Stadion war elektrisierend. Alles stand auf dem Spiel: Der Sieger würde Meister werden.
Die Spieler des HSV verließen bereits die Kabine und machten sich auf den Weg zum Spielfeld. Nur zwei blieben noch zurück: der japanische Star-Torhüter Genzo Wakabayashi und das deutsche Mittelfeld-Ass Hermann Kaltz.
Kaltz saß auf einem Hocker, beugte sich nach vorn und zog die Schnürsenkel seiner Fußballschuhe fest. Sein Blick glitt aus dem Fenster, wo die Sonne die Blätter der Bäume in leuchtendem Grün erstrahlen ließ.
Genzo beobachtete ihn einen Moment lang, dann räusperte er sich.
„Kaltz!“ Seine Stimme klang ungewohnt unsicher.
Kaltz fuhr herum. „Uh!? Ja, Genzo? Was ist los?“
„Ich sag’s dir lieber jetzt… als später.“
Kaltz runzelte die Stirn. „Was? Junge, sprich dich aus.“
„Ich… wechsle nach Bayern.“
Der Zahnstocher, der bis eben in Kaltz’ Mundwinkel gesteckt hatte, fiel klappernd zu Boden. Er starrte Genzo fassungslos an.
„Hast du den Verstand verloren? Das kannst du nicht machen! Wieso? Wegen des Geldes?“
Genzo wich seinem Blick nicht aus. „Versteh doch… das ist meine Chance.“
„Chance, dir eine zu fangen?“ fuhr Kaltz auf.
„Wie bitte?“
Genau in diesem Moment krachte Kaltz’ Faust gegen Genzos Gesicht. Der Schlag war so wuchtig, dass der Torhüter zu Boden ging.
In diesem Augenblick betrat der Trainer die Kabine, um die beiden abzuholen. Sein Blick fiel sofort auf den am Boden liegenden Wakabayashi und dann auf Kaltz, dessen Augen vor Zorn funkelten.
„Hermann… willst du mir das erklären?“ fragte der Trainer mit ernster Stimme.
„Schnauze, Trainer! Sie können mich mal.“
Der Trainer schnappte hörbar nach Luft. „Was!? Hermann! Du bist suspendiert – für immer!“
Kaltz zuckte nur mit den Schultern, drehte sich um und verließ wortlos die Kabine. Im Stadiongang zog er sein Trikot aus und warf es in den nächsten Mülleimer. Einige Spieler und der Trainer sahen ihm nach – und bemerkten, wie ein paar Tränen von seinen Wangen auf den Zahnstocher tropften, der noch immer am Boden lag.
Aus seiner Trainingstasche holte Kaltz eine Sonnenbrille und eine Baseballkappe. Mit gesenktem Kopf schlenderte er Richtung Tribüne. Je näher er dem Ausgang kam, desto lauter wurden die Fangesänge und desto heller wurde der Gang.
Am Ende des Ganges blieb er stehen, hob den Kopf und sah zu den Fans auf der Gegenseite. Sie brüllten die Namen der Spieler, als diese auf der Anzeigetafel erschienen. Auch sein eigener Name mit der Rückennummer 5 wurde angezeigt – und die Menge jubelte, nicht ahnend, dass er das Spielfeld längst verlassen hatte.
Von oben sah Kaltz die Mannschaft einlaufen. Er entdeckte Genzo, der anscheinend unversehrt ins Tor ging. Wenig später ertönte der Anpfiff. Hamburg spielte mutig nach vorn, doch Kaltz wandte sich ab und verließ das Stadion.
Er stieg in seinen gelben Opel Tigra und fuhr los. Nach einigen Minuten schaltete er das Radio ein.
„…und schon wieder ein Tor! Nach nur 20 Minuten steht es bereits 3:0 für Bayern! Torschütze: Karl-Heinz Schneider. Unglaublich—“
Kaltz drehte das Radio abrupt ab.
Kurze Zeit später erreichte er seine Villa. Als er den Schlüssel aus dem Bund fischte, fiel sein Blick auf den Vorgarten: Blaue und weiße Stiefmütterchen bildeten das Wappen des Hamburger SV. Er wischte sich eine Träne von der Wange, schloss die Tür auf, ließ sich auf das Sofa fallen – direkt unter dem gerahmten Foto seiner Jugendmannschaft, das ihn gemeinsam mit Schneider und Wakabayashi zeigte – und schlief ein.